Der #Zonk für Nieten im Netzwerk: Die Deutsche Telekom
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freund*innen des gepflegten Netzversagens,
verehrter Wurzelzwerg,
wir haben lange gesucht.
Wir haben über Funklöcher gestolpert, sind in Hotline-Schleifen verdurstet
und haben uns durch AGB gegraben, die länger sind als manche Doktorarbeit.
Und dann war sie da:
die Kandidatin, die aus einem öffentlichen Versorgungsauftrag
ein nahezu lehrbuchhaftes Beispiel für
Machtkonzentration im digitalen Raum macht.
Die Deutsche Telekom.
Oder, in ihrer aktuellen Ausprägung:
ein globaler Infrastrukturkonzern,
der zufällig noch deutsche Steuerzahler*innen im Rücken hat.
Heute verleihen wir feierlich den Wurzelzwerg 2025 –
unseren #Zonk für Nieten im Netzwerk.
1. Kategorie: Netzneutralität – die bezahlte Überholspur
Eine offene, neutrale Netzinfrastruktur ist Grundlage
für Meinungsfreiheit, Innovation und Wettbewerb.
Genau hier setzt die zentrale Kritik an der Telekom an.
Ein Bündnis aus Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF),
epicenter.works, Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv)
und der Stanford-Juristin Barbara van Schewick
hat 2025 bei der Bundesnetzagentur Beschwerde eingelegt.
Der Vorwurf: Die Telekom schaffe künstliche Engpässe an den Zugängen zu ihrem Netz
und verkaufe dann bezahlte Überholspuren an große Diensteanbieter.
Wer zahlt, kommt schnell zur Kundschaft; wer nicht zahlt, steckt im Datentrömmerfeld fest.0
Damit, so die Beschwerde, verletze die Telekom gleich doppelt das europäische
Netzneutralitätsrecht:
- Verbot von Überholspuren,
- Recht der Nutzer*innen, Inhalte und Dienste frei zu wählen.1
Kurz:
Zugang zum Publikum gegen Eintrittsgeld.
Ein Geschäftsmodell, das sich kaum mit dem Bild eines „neutralen“ Netzbetreibers verträgt.
2. Kategorie: SMS-Firewall – wenn der Provider mitliest
Die nächste Kategorie gilt der Vertraulichkeit der Kommunikation.
2025 kündigte die Telekom an, ab 1. April eine „SMS-Firewall“ einzuführen,
die betrügerische Kurznachrichten herausfiltern soll.
Gegen Phishing zu schützen ist sinnvoll –
aber die Umsetzung verrät, wie der Konzern über seine Rolle denkt.
Recherchen von netzpolitik.org zeigen:
Die Telekom liest künftig systematisch Links in SMS aus,
um sie gegen interne Listen mutmaßlich schädlicher Server zu prüfen.
Dazu müssen die Inhalte der SMS technisch ausgewertet werden,
auch wenn der Konzern betont, man untersuche nur Deeplinks
und nicht den „semantischen Wert“ der Worte.2
Juristisch bewegen wir uns im Spannungsfeld von
Fernmeldegeheimnis und Telekommunikation-Datenschutzrecht,
die eigentlich untersagen, SMS-Inhalte ohne Anlass einzusehen.3
Mit anderen Worten:
- Die EU-Chatkontrolle sorgt für laute Debatten.
- Die SMS-Kontrolle durch Provider etabliert sich eher leise –
mit Verweis auf „Sicherheit“ und „Kundenschutz“.
Der Wurzelzwerg notiert:
Wer einmal eine technische Infrastruktur zum Filtern von Nachrichten aufbaut,
kann sie später für vieles andere benutzen.
3. Kategorie: Tracking – aus Kund*innen werden Datenströme
Parallel dazu beteiligen sich Telekom & Co. an der neuen Tracking-Firma Utiq,
die das Online-Verhalten von Millionen Mobilfunknutzer*innen
zu Werbezwecken auswerten soll.
Kritiker warnen, dass Telekommunikationsanbieter damit
zu zentralen Datenhändlern im Werbemarkt werden
und eine zusätzliche Überwachungsschicht in den Alltag ziehen.4
Offiziell geht es um „datensparsame“, „einwilligungsbasierte“ Werbung.
De facto verschiebt sich die Machtbalance weiter
weg von Nutzer*innen hin zu Netzbetreibern und Werbeallianzen.
Der Wurzelzwerg lächelt milde:
Wo früher Telefongebühren abgebucht wurden,
fließen heute Aufmerksamkeitsdividenden.
4. Kategorie: Politische Verflechtungen – Ballroom, DOGE & Wahlkampf
4.1 T-Mobile US und der Trump-Ballsaal
2025 wurde der historische Ostflügel des Weißen Hauses abgerissen,
um einen neuen, privat finanzierten Ballsaal
für Präsident Trump zu errichten.
Zu den Spendern zählt laut Berichten auch T-Mobile US,
die US-Tochter der Deutschen Telekom.5
Das Unternehmen betont, man habe nur eine Stiftung unterstützt,
die historische Stätten in Washington fördert,
und keinen Einfluss auf die konkrete Verwendung der Mittel.6
Formal mag das stimmen.
Politisch bleibt das Signal:
Ein von einem autoritär regierenden Präsidenten
veranlasstes Prestigeprojekt wird
durch Spenden eines teil-staatlichen deutschen Konzerns mitfinanziert.
4.2 Wahlkampfgelder und das republikanische Lager
Die PACs (Political Action Committees) von T-Mobile US
gehören zu den größten Geldgebern unter den US-Ablegern deutscher Konzerne.
Im Wahlzyklus 2023–2024 gingen rund 1,5 Millionen Dollar aus dem T-Mobile-PAC
etwas mehrheitlich an republikanische Politiker und komiteenahe Organisationen.7
Spenden an beide Parteien sind im US-System üblich –
aber sie markieren dennoch eine strategische Nähe
zu bestimmten politischen Projekten.
Hier: zu jenem Lager, das gleichzeitig
die Musk-/DOGE-Politik der radikalen Deregulierung und
den umstrittenen Ausbau des Sicherheitsstaats stützt.8
4.3 „Europa braucht eine DOGE“
Der CEO der Deutschen Telekom, Tim Höttges,
hat öffentlich erklärt, Europa brauche ein eigenes Pendant
zur US-Behörde Department of Government Efficiency (DOGE),
die unter Trump von Elon Musk geprägt wurde
und massiven Einfluss auf IT-Infrastrukturen
und Behörden-Digitalisierung gewonnen hat.9
Kritiker werfen DOGE vor,
unter dem Vorwand der Effizienz
behördliche Strukturen zu zerschlagen,
Datenzugriffe zu zentralisieren
und private Geschäftsinteressen zu begünstigen.10
Wenn nun ausgerechnet der Chef eines halbstaatlichen Telekom-Konzerns
sich dieses Modell als Vorbild für Europa wünscht,
sagt das einiges über das bevorzugte
Macht- und Kontrollmodell.
4.4 AfD, Wilders & Co.
Konkrete finanzielle Unterstützung der AfD oder von Geert Wilders
durch die Telekom lässt sich derzeit öffentlich
nicht im Detail nachweisen.
Sichtbar ist aber ein Muster:
- Lobbyarbeit für Deregulierung und Marktkonsolidierung,
- ökonomische und rhetorische Nähe zu Projekten wie DOGE,
- Beteiligung an Kampagnen, die Diversitäts- und Gleichstellungsprogramme schwächen.11
Die Laudatio bleibt daher bei einer bewussten politischen Wertung:
Die Telekom steht – in Summe ihrer Strategien –
nicht auf der Seite jener Kräfte,
die digitale Grundrechte, Transparenz und demokratische Kontrolle stärken.
5. Kategorie: Abrechnung, Kundenschutz & Margenlogik
5.1 Abrechnungsprobleme bei Congstar & Co.
In den vergangenen Jahren häufen sich Berichte
über Abrechnungsprobleme bei Telekom-Töchtern wie Congstar:
von fehlerhaften oder doppelt erhobenen Beträgen
bis hin zu schwer nachvollziehbaren Korrekturen.
Ein Beispiel: Ein dokumentierter Fall, in dem ein Congstar-Kunde
nach einem Systemfehler mit einer Verdoppelung der laufenden Kosten
konfrontiert wurde – ohne, dass der Anbieter
proaktiv auf die fehlerhafte Abbuchung hingewiesen hätte.12
Juristisch wird in solchen Fällen häufig
von „Fehlbuchungen“ statt „Betrug“ gesprochen.
Aus Sicht der Betroffenen verschwimmt die Grenze:
- Risiken werden systematisch auf Kund*innen abgewälzt,
- Rückzahlungen erfolgen zögerlich oder nur nach Druck,
- Transparenz über Ursachen bleibt gering.
Die Laudatio spricht deshalb bewusst von
„Abrechnungspraktiken mit Betrugsnähe“ –
kein strafrechtliches Urteil,
sondern eine moralische Bewertung.
5.2 Historische Verstöße im Wettbewerb
Die Telekom ist kein unbeschriebenes Blatt:
Der Europäische Gerichtshof bestätigte bereits 2010
eine Millionenstrafe der EU-Kommission gegen den Konzern,
weil er Wettbewerbern höhere Entgelte
für den Netzzugang berechnete als eigenen Endkund*innen
– ein klassischer Fall des sogenannten Margin Squeeze.13
Auch spätere Verfahren zeigen,
dass Gerichte und Regulierer immer wieder einschreiten mussten,
um den Zugang von Wettbewerbern zu Infrastruktur
und Nummernressourcen zu sichern.14
5.3 Umgang mit Kund*innen und einstweiligen Verfügungen
Einzelne Fälle dokumentieren,
dass die Telekom auch gerichtliche Anordnungen
nicht immer prompt umsetzt.
So berichtet etwa eine Kanzlei davon,
dass trotz erlassener einstweiliger Verfügung
die Abschaltung eines Anschlusses nicht rückgängig gemacht wurde,
was den Geschäftsbetrieb lahmlegte.15
Solche Fälle sind keine abschließende Beweisführung,
aber sie zeigen ein Muster:
Fehler auf Kundenseite sind teuer –
Fehler auf Unternehmensseite bleiben oft folgenarm.
6. Kategorie: Wahrnehmungsmanagement – No Hate Speech nach außen, Druck nach innen
Parallel zu diesen Praktiken inszeniert sich die Telekom
mit Kampagnen wie „No Hate Speech“
als Vorkämpferin für Vielfalt und demokratische Diskurse.16
Gleichzeitig dokumentieren Initiativen und kritische Aktionärsvereine,
dass der Konzern in den USA
Diversitätsprogramme zurückgefahren
und sich an die anti-DEI-Linie der Trump-Administration angepasst hat.17
Auf der Hauptversammlung werfen kritische Aktionär*innen
dem Management vor,
unter dem Deckmantel der Effizienz
Machtkonzentration zu betreiben
und Risiken von Projekten wie DOGE
für Demokratie und Datenschutz zu verharmlosen.18
Die Diskrepanz zwischen Außenbild („bunt, inklusiv, demokratisch“)
und Innenpolitik (Lobby für Deregulierung, Nähe zu DOGE, Tracking-Allianzen)
ist genau die Art kognitiver Dissonanz,
die den Wurzelzwerg unruhig im Moos zappeln lässt.
7. Fazit der Laudatio: Warum der Wurzelzwerg 2025 an die Telekom geht
Der Wurzelzwerg 2025 wird nicht
für einen Skandal verliehen,
sondern für ein System von Entscheidungen:
Netzneutralität aushöhlen
durch bezahlte Überholspuren und künstliche Engpässe am Netzeingang.19Kommunikationsinhalte automatisiert auswerten
(SMS-Firewall),
während man sich auf den Schutz vor Betrug beruft
und gleichzeitig neue Überwachungs- und Filterinfrastrukturen etabliert.20Tracking-Allianzen ausbauen,
die die Grenze zwischen Telekommunikations-Dienstleister
und Werbe-Datenkonzern weiter verwischen.21Politische Projekte stützen,
die demokratische Institutionen schwächen
(Trump-Ballsaal, DOGE-Bewunderung, Wahlkampffinanzen im republikanischen Lager).22Abrechnungs- und Verbraucherschutzkonflikte,
bei denen strukturell eher Kund*innen als das Unternehmen verlieren,
verbunden mit historisch dokumentierten Wettbewerbsverstößen.23
Aus all dem entsteht kein „Einzelfall“,
sondern ein Profil:
Ein Konzern, der zentrale Infrastrukturen kontrolliert,
demokratische Kontrolle als Zumutung empfindet
und Grundrechte gern in „Produkte“ übersetzt,
solange die Margen stimmen.
Schlusssatz
Sehr geehrte Deutsche Telekom,
für diese Gesamtleistung
verleiht Ihnen der Wurzelzwerg,
umringt von leuchtenden Nieten im Lichterkranz der Infrastruktur,
feierlich den Zonk 2025 im Bereich Netzwerk & Demokratie.
Möge er Ihnen ein ständiger Begleiter sein –
als mahnende Plüschfigur auf jedem Vorstandstisch.
Ende der Laudatio.
Und so heben wir ihn nun hoch, den Wurzelzwerg 2025, geschnitzt aus Kupferdraht, AGBs und Glasfaserresten, und stellen ihn dorthin, wo Infrastruktur zu Macht wird.

Hinweis zu den Quellen:
Netzpolitik.org zur SMS-Firewall und Link-Analyse in SMS durch die Telekom.� netzpolitik.org
GFF-Beschwerde zur Verletzung der Netzneutralität durch bezahlte Überholspuren am Netzeingang des Telekom-Netzes.� GFF
Tagesspiegel-Datenanalyse zu PAC-Spenden von T-Mobile US im US-Wahlkampf 2023/24.� Tagesspiegel Interaktiv Berichte zu Spenden von T-Mobile US / Telekom-Tochter für Trumps Ballsaal am Weißen Haus.� DIE WELT +1
Berichte und Gegenantrag kritischer Aktionär*innen zu Höttges’ DOGE-Bezug und Konzernstrategie.� Datacenter Dynamics +2
Dokumentierte Abrechnungsprobleme bei Congstar / Telekom sowie EuGH-Urteil zur Margin-Squeeze-Strafe gegen die Telekom.�
Plaketteninschrift:
WURZELZWERG 2025 Für bezahlte Überholspuren, lesende Filter und das Talent, Neutralität in ein Produkt zu verwandeln.
„Infrastruktur ist kein Geschäftsmodell.“ — Institut für Partisanenepistemologie
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