Nimmermehr!

Die Zeit ist reif

Die Zeit ist reif

Nicht fĂŒr einen Aufbruch.
Nicht fĂŒr ein „Mehr“.
Sondern fĂŒr das Ruhigwerden der Dinge.

Weihnachten ist kein Fest des Anfangs.
Es ist ein Fest der Unterbrechung.

Etwas hört auf, sich zu rechtfertigen.
Etwas hört auf, sich zu beschleunigen.
Etwas wird hingelegt – nicht weggeworfen, nicht optimiert, sondern abgelegt.

„Alles, was Menschen herstellen, ist sterblich.“

— sinngemĂ€ĂŸe Lesart nach Hannah Arendt

I. Vom Reifen

Reife ist kein Zustand des Könnens,
sondern ein Zustand des Lassens.

Die Zeit ist reif, wenn Projekte nicht mehr beweisen mĂŒssen, dass sie nĂŒtzlich sind.
Wenn Systeme nicht mehr schreien, um beachtet zu werden.
Wenn Argumente stehen dĂŒrfen, ohne verteidigt zu werden.

Reife erkennt man daran, dass etwas auch ohne seinen Urheber noch Sinn ergibt.

Das ist keine Romantik.
Das ist Bilanz.

II. Weihnachten als Gegenentwurf zur DauerverfĂŒgbarkeit

Die digitale Welt kennt kein Weihnachten.

Sie kennt:

Weihnachten hingegen sagt:

Jetzt nicht.

Es ist der kulturelle Prototyp des Sabbats: Nicht, weil nichts zu tun wĂ€re, sondern weil Tun allein kein Maß mehr ist.

„Fortschritt ohne Maß ist Regression mit anderem Namen.“

— Adorno, zugeschrieben

III. Die Zumutung der Endlichkeit

Was reif ist, rechnet mit seinem Ende.

Das gilt fĂŒr:

Eine Technik, die ihr eigenes Ende nicht vorsieht, ist keine Innovation, sondern eine Hypothek auf fremde Lebenszeit.

Darum ist gute Digitalisierung nicht die, die alles kann, sondern die, die aufhören kann.

„Nicht die LĂ€nge des Lebens, sondern seine Dichte entscheidet.“

— verdichtet nach Seneca

IV. Pflege statt Fortschritt

Im letzten Drittel verschiebt sich der Sinn:

Nicht mehr:

Was kann man noch bauen?

Sondern:

Was darf man endlich in Ruhe lassen?

Pflege ist keine Nebenaufgabe der Zukunft. Sie ist ihr Zentrum.

Pflege heißt:

Alles andere ist Wachstumstheater.

V. Das Kind in der Krippe (ohne Kitsch)

Das Kind ist nicht das Versprechen grenzenloser Möglichkeiten.
Es ist das Symbol radikaler AbhÀngigkeit.

Es schreit nicht nach Optimierung. Es ĂŒberlebt durch Beziehung, WĂ€rme, Aufmerksamkeit.

Vielleicht liegt genau hier die vergessene Lehre: Dass Systeme nicht stark sind, weil sie autonom sind, sondern weil sie getragen werden können.

Schluss: Eine ruhige Feststellung

Die Zeit ist reif.

Nicht fĂŒr Lösungen.
Nicht fĂŒr Visionen.

Sondern fĂŒr Strukturen, die auch dann noch tragen, wenn niemand mehr Energie hat, sie zu erklĂ€ren.

Das ist keine Utopie.
Das ist eine weihnachtliche NĂŒchternheit.

Und vielleicht das Beste, was man der Zukunft schenken kann.


Quellen (Auswahl)

Arendt, H. (1958). The Human Condition. University of Chicago Press.
Adorno, T. W. (1970). Negative Dialektik. Suhrkamp.
Seneca. De brevitate vitae. (versch. Ausgaben).