Nimmermehr!

Die Promenade (Nebenstraßen)

Die Promenade (Nebenstraßen)

Wenn Facebook eine Promenade wäre,
dann keine, auf der man geht, um zu sehen.
Sondern eine, auf der man geht, um gesehen zu werden.

Nicht flanieren, sondern vorführen.
Nicht ankommen, sondern bestehen.

Die Bänke wären keine Orte der Ruhe,
sondern Haltepunkte für Posen.
Das Geländer kein Schutz vor dem Abgrund,
sondern ein Rahmen fürs Bild.

Die Luft wäre schwer.
Nicht von Gesprächen, sondern von Erwartung.
Jede Bewegung ein Signal.
Jeder Stillstand ein Risiko.

Ich wäre dort nie zufällig.
Ich wäre dort nur aus Gründen.
Und jeder dieser Gründe hätte etwas von Zwang.

Der Ekel käme nicht sofort.
Er wäre kein Schock, kein dramatisches Abwenden.
Er wäre eher wie ein leiser Film auf der Haut,
den man erst bemerkt,
wenn man versucht, ihn abzuwischen.

Es ist kein persönlicher Ekel.
Er richtet sich nicht gegen Einzelne.
Er ist strukturell.
Er entsteht dort, wo Verhalten nicht mehr Ausdruck ist,
sondern Anpassung an ein unsichtbares Messgerät.

Man sieht es an den Gesichtern.
Nicht am Lächeln – das ist geübt.
Sondern an der Anspannung darunter.
An der leichten Verzögerung,
mit der ein Blick prüft,
ob er Wirkung hatte.

Was hier geschieht, ist kein Austausch.
Es ist Platzierung.
Ein ständiges Sich-ins-Bild-Schieben,
nicht aus Überzeugung,
sondern aus Angst,
sonst aus dem Bild zu fallen.

Ich habe versucht, es zu verstehen.
Wirklich.
Ich habe Erklärungen gesammelt
wie andere Souvenirs.

Bindungstheorie.
Aufmerksamkeitsökonomie.
Soziale Vergleichsprozesse.
Gamification.
Plattformlogik.

Alles korrekt.
Alles unzureichend.

Denn Verstehen macht das Gefühl nicht leiser.
Es gibt ihm nur eine andere Beleuchtung.

Nach zwanzig Jahren hätte sich Gleichgültigkeit einstellen sollen.
Eine professionelle Distanz.
Ein Schulterzucken.

Doch was sich einstellt, ist Ermüdung.
Eine tiefe, zähe Müdigkeit,
die nicht vom Lärm kommt,
sondern von seiner Endlosschleife.

Die Promenade hört nicht auf.
Sie wiederholt sich.
Immer dieselben Gesten,
nur in anderen Farben.
Immer dieselben Empörungswellen,
immer dieselben Ergriffenheiten.

Nichts darf einfach sein.
Alles muss etwas bedeuten.
Und am besten sofort.

Ich gehe deshalb die Nebenstraßen.
Nicht demonstrativ.
Nicht als Statement.
Sondern, weil mein Körper dort langsamer atmet.

Dort gibt es weniger Publikum,
aber mehr Zeit.
Weniger Zustimmung,
aber mehr Stille.

Ein Gedanke darf dort liegen bleiben,
ohne dass ihn jemand hochhebt.
Ein Satz darf schief sein.
Ein Schweigen darf dauern.

Manchmal hört man von der Promenade herüber.
Das Klirren der Aufmerksamkeit.
Das rhythmische Klatschen der Reaktionen.
Dann weiß ich wieder,
warum ich abgebogen bin.

Vielleicht wird man später sagen,
die Promenade sei das Zentrum gewesen.
Der Ort, an dem „alles passiert ist“.

Aber vielleicht war sie nur
der lauteste Teil des Ortes.
Nicht der wichtigste.
Nicht der wahrste.

Ich bleibe im Schatten der Nebenstraßen.
Nicht aus Askese.
Nicht aus Überlegenheit.

Sondern aus dem einfachen Wunsch heraus,
dass nicht alles,
was existiert,
sich rechtfertigen muss.


Meta:
Dauer stumpft nicht ab – sie schärft, wenn man ihr nicht ausweicht.